Blick von einem Holzbalkon in Tirol auf Berggipfel im ersten Morgenlicht

A Note

A Note from the Mountains

Über Berge, Demut und Dinge, die bleiben.

Ich schreibe diese Zeilen auf einem Holzbalkon eines wunderschönen Airbnbs in Tirol. Es ist früh, das Tal liegt noch im Schatten, aber die Gipfel gegenüber fangen schon die ersten Sonnenstrahlen ein — dieses Goldrosa, das nur ein paar Minuten bleibt und das man trotzdem nicht vergisst. Ich stehe einfach nur da und schaue mit meiner heißen Tasse Kaffee zu. Ich kann es genießen. Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen oder gerade irgendwo anders sein zu müssen. Alles fühlt sich so gut und so richtig an.

Berge machen etwas mit mir. Ich konnte es lange nicht benennen und heute würde ich es vermutlich Demut nennen. Sie stehen hier seit Jahrtausenden — sie waren vor uns da und werden nach uns da sein. Man wird klein vor ihnen, aber nicht auf eine Weise, die einschüchtert. Eher auf eine, die entlastet. Was auch immer mich gerade beschäftigt, wie groß es sich auch anfühlt: Die Berge haben Größeres überdauert. Vielleicht ist das der beruhigendste Gedanke, den eine Landschaft schenken kann.

Und vielleicht ist es deshalb für mich immer auch ein Nachhausekommen. Nicht an einen Ort — eher zu mir selbst. Ich bin mit den Bergen groß geworden: im Winter zum Skifahren, im Sommer zum Wandern, meine Eltern, meine beiden älteren Brüder und ich.

An einen Sommer erinnere ich mich besonders. Wir sind um den Eibsee gewandert, unterhalb der Zugspitze. Am Wegrand wuchsen Walderdbeeren, die wir gepflückt haben. Sie waren so winzig und so unglaublich lecker. Aus den Bächen, die steil von den Hängen herunterkamen, haben wir mit den Händen getrunken — das Wasser so kalt, dass es in den Zähnen zog. Am Steg vor dem Hotel bin ich als Jüngste als Erste ins eiskalte Wasser gesprungen, weil meine Brüder sich nicht getraut haben. Ich weiß nicht, ob das etwas mit Bergen zu tun hat. Aber für mich klingt es nach Sommer in den Bergen.

Oder der Wolfgangsee: ich in meiner roten Lederhose, meine Brüder in braunen, wie wir über die Almen gelaufen sind. Überall Kühe, quer über Weiden und Wege, ein bisschen wie bei Heidi. Und dieser Klang der Kuhglocken — unregelmäßig, beruhigend, irgendetwas zwischen Musik und Stille. Bis heute genügt eine einzige Kuhglocke, und ich bin wieder dort. Unterwegs an den Almen haben wir Rast gemacht und unsere Hände und Füße in kalten Wassertrögen gekühlt, bevor es weiterging.

Dieses Wochenende bin ich mit meiner kleinen Familie wieder in den Bergen. Wir sind wandern mit der Kleinen in der Kraxe, ich höre die Kuhglocken, ich verliere mich in der Weite und ich weiß, das Leben ist gut. Ich spüre dieses Gefühl der tiefen Dankbarkeit sogar so sehr, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.

Ich verliere mich in der Weite und ich weiß: Das Leben ist gut.

Ich glaube, das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass Berge etwas Heilendes haben. Sie verlangen nichts. Sie wollen einem nichts verkaufen und nichts beweisen. Sie sind einfach da — und geben einem die Erlaubnis, es auch zu sein.

Ich habe mir hier oben etwas vorgenommen, ganz leise, ohne Liste und ohne Plan: öfter wiederzukommen. Die Berge warten nicht auf mich. Aber sie sind da, wenn ich komme.

Vielleicht ist genau das der Trost.